Von Mark Michalow
Wichtigste Erkenntnisse: Schattenwirtschaften als spontane Marktreaktion: In Osteuropa entstand ein hohes Maß an informeller Wirtschaftsaktivität (dokumentiert von Forschern wie Friedrich Schneider) als praktische Anpassung an übermäßige staatliche Regulierung, Knappheit und institutionelles Misstrauen, die es ermöglichte, freiwilligen Austausch und auf Reputation basierende Zusammenarbeit außerhalb offizieller Kanäle zu betreiben. Historische Kontinuität aus der Sowjetzeit: Das Scheitern der sowjetischen Planwirtschaft (was Mises‘ wirtschaftliches Kalkulationsproblem veranschaulicht) förderte eine langanhaltende „geistige Immunität“ und die Abhängigkeit von Parallelmärkten; Dieses Muster bleibt in postkommunistischen Gesellschaften bestehen, in denen private Reputationsmechanismen häufig Vorrang vor formellen staatlichen Institutionen haben. Empirische Unterstützung für österreichische und agoristische Ideen: Die Erfahrungen der Region werden als reale Bestätigung der österreichischen Praxeologie und Elemente des Agorismus von Samuel Konkin präsentiert (der zeigt, dass Institutionen des freien Marktes spontan unter Druck entstehen), auch wenn die meisten Teilnehmer eher vom Überleben als von der ideologischen Revolution motiviert sind.
Für die Österreichische Schule des ökonomischen Denkens ist das methodische Fundament unzerbrechlich: Die Praxeologie von Ludwig von Mises basiert auf einer apriorischen Logik menschlichen Handelns, die grundsätzlich keiner statistischen oder empirischen Modelle zu ihrer Begründung bedarf. Ein Mensch handelt entschlossen und versucht, „die Unruhe, die er verspürt“, zu beseitigen. Und dieses deduktive Gesetz ist universell und unbestreitbar. Es ist jedoch diese methodische Reinheit, die häufig zum Gegenstand der Skepsis seitens Positivisten und traditioneller Ökonomen (normalerweise derselben Leute) wird, die empirische Tests der Durchführbarkeit libertärer Konzepte fordern. Warum ihnen nicht geben, was sie wollen?
Agorismus als praxeologische Handlung
Eines dieser Konzepte ist der Agorismus von Samuel Konkin. Im New Libertarian Manifesto (1980) schreibt er:
Wir finden größere Teile der Gesellschaft im Staatismus und kleinere, die so agorisch wie möglich leben. Es gibt jedoch einen sichtbaren Unterschied: Agoristen müssen nicht territorial zusammenhängend sein.
Sie (Agoristen) können überall leben, neigen jedoch dazu, sich mit ihren Agoristenkollegen zusammenzuschließen, nicht nur, um sich sozial zu stärken, sondern auch, um den Handel zu erleichtern und profitabel zu machen. Es ist immer sicherer und profitabler, mit zuverlässigeren Kunden und Lieferanten zusammenzuarbeiten. Die Tendenz geht zu einer stärkeren Verbindung zwischen eher agoristischen Individuen und einer Distanzierung von eher etatistischen Elementen. (Diese Tendenz ist nicht nur theoretisch stark; heute existiert sie bereits in der embryonalen Praxis.)
Während der Agorismus im Westen oft und fast ausschließlich ein intellektuelles Diskussionsmodell bleibt, hat das soziale Umfeld Osteuropas einzigartige historische Fälle hervorgebracht. Der lokale „interne Agorismus“ hat deutlich gezeigt, dass jede Erhöhung seines Regulierungsdrucks die natürliche Reaktion der Ablehnung nur beschleunigt, da die Staatsmaschine von Natur aus ein Apparat für systemischen Zwang und Plünderung ist. Wenn dieser Druck mit dem Überleben unvereinbar wird, setzt die Gesellschaft spontan und ohne Lehrbücher praxeologische Prognosen in die Praxis um und löscht den Staat ganz banal aus den Wirtschaftsbeziehungen.
Von der sowjetischen Untergrundwirtschaft zum „Gulaschkommunismus“
Um die Logik des modernen osteuropäischen Marktes zu verstehen, ist es notwendig, auf sein institutionelles Gedächtnis zurückzugreifen. Das sowjetische totalitäre Experiment, das das gesamte sozialistische Lager umfasste, wurde zur großartigsten praktischen Veranschaulichung von Mises‘ Kalkülargument in der Geschichte. Der Versuch, das Privateigentum de facto und de jure abzuschaffen und den Preismechanismus durch eine zentralisierte Planung zu ersetzen, führte zu chronischen Engpässen und der Unterdrückung des für wirtschaftliche Berechnungen notwendigen dezentralen Wissens von Warschau bis Kiew.
Unter solchen Bedingungen war das Überleben von Millionen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes nur dank der Entstehung eines riesigen Parallelmarktes möglich.
In Ungarn war das Regime gezwungen, die Augen vor der „zweiten Wirtschaft“ zu verschließen, in der private Lohnunternehmer und informelle Landwirtschaft das Land tatsächlich vor der Armut retteten. Im postsowjetischen Raum wurde der grenzüberschreitende Tauschhandel zu jenen kapitalistischen Schienen, dank derer die Menschen auch in sehr schwierigen Zeiten überleben konnten. Diese historische Erfahrung bildete eine stabile geistige Immunität unter den Völkern Osteuropas. Die derzeitige Neigung Osteuropas zur informellen Wirtschaft ist ein generationsübergreifender Instinkt der Selbstverteidigung des Kapitals gegen zerstörerische staatliche Eingriffe.
Die Schattenwirtschaft als Marktanpassungsmechanismus
Nach Untersuchungen von Professor Friedrich Schneider, einem führenden unabhängigen Experten für Schattenwirtschaft, weisen osteuropäische Länder (insbesondere Bulgarien, Rumänien und Kroatien) durchweg einen hohen Anteil des informellen Sektors auf:
Diese Zahlen sind kein Indikator für Rückständigkeit, sondern eher ein Indikator für übermäßigen Druck der Regierungen auf die Menschen.
Bei der Recherche zu diesem Thema kommt man nicht umhin, das Misstrauen gegenüber „legalen“ Institutionen in Osteuropa zu erwähnen. Laut Statistik ist dies der Grad des Misstrauens gegenüber Rechtsinstitutionen:
Ukraine: ~70 Prozent Kroatien: ~70 Prozent Bulgarien: ~55 Prozent Polen: ~54 Prozent Montenegro: ~50 Prozent Serbien: ~50 Prozent Lettland: ~49 Prozent Slowenien: ~40 Prozent Slowakei: ~40 Prozent
Doch trotzdem funktioniert das Geschäft: Statt wirkungsloser staatlicher Institutionen operieren hier private Reputationsmechanismen. Unternehmen sind oft trotz staatlicher Eingriffe erfolgreich, nicht deswegen. Das Arbeiten ohne Lizenzen und ohne informelle Verträge ist ein Überlebensmechanismus des Marktes. Der Ruf ist hier teurer als jede Lizenz oder jedes Siegel, denn er und nicht ein Stück Papier eines Beamten entscheidet wirklich darüber, ob Sie zu diesem Lieferanten zurückkehren, ob Sie diesem Partner morgen Geld anvertrauen, ob dieser oder jener Geschäftsmann theoretisch Ihren Wunsch erfüllen kann.
Der Siegeszug der österreichischen Methodik
Die empirischen Beweise aus Osteuropa führen uns zur absoluten methodischen Korrektheit von Ludwig von Mises zurück, die ausführlich in seinem Werk „Human Action: A Treatise on Economics“ (1949) beschrieben wird. Dies legt nahe, dass die Gesetze der Ökonomie denselben objektiven Charakter haben wie die Gesetze der Physik und nicht durch Regierungsverordnungen aufgehoben werden können.
Im Kontext der libertären Theorie erlaubt die osteuropäische Erfahrung auch einen neuen Blick auf die berühmte Diskussion zwischen Murray Rothbard und Samuel Konkin über die Strategie des Agorismus. In seiner Kritik wies Rothbard zu Recht darauf hin, dass Konkins übermäßiger Optimismus hinsichtlich der Fähigkeit der Gegenökonomie, den Staat unabhängig und bewusst zu beseitigen, eher ein utopisches Ideal sei. Die Erfahrung Osteuropas bestätigt Rothbards Skepsis: Millionen Menschen im Schattensektor sind keine ideologischen Revolutionäre und streben nicht danach, Regierungen zu stürzen.
Derselbe Empirismus beweist jedoch triumphierend, dass Konkin in einer anderen Hinsicht Recht hat: Gegenökonomie ist eine unvermeidliche, spontane und praktikabelste Form des Schutzes des freien Marktes vor staatlichen Eingriffen. Die Gesellschaft teilt vielleicht nicht die revolutionären Ziele des Agorismus, aber sie nutzt seine vielfältigen Werkzeuge tadellos, um die Freiheit des Einzelnen zu retten. Die Schattenwirtschaft oder Gegenwirtschaft ist ein freier Markt, der sich an ein aggressives (staatliches) Umfeld anpasst.
Abschluss
Die Erfahrung Osteuropas ist für das globale libertäre Denken von unschätzbarem Wert. Sie distanziert sich vom Libertarismus und insbesondere von der Österreichischen Schule, von der Art „spekulativer Utopie“, die verschiedene Kritiker den oben genannten Positivisten, traditionellen Ökonomen und etatistischen Ideologen aller Art so oft aufzuzwingen versuchen.
Hier haben wir kein theoretisches Modell oder Denkmodell aus einem Lehrbuch. Wir verfügen über lebendige und bewiesene empirische Beweise seit Jahrzehnten. Millionen von Menschen unter härtesten Bedingungen unter dem Druck eines totalitären Staates und dann seines korrupten Erben haben spontan und ohne jeden ideologischen Hintergrund genau die Institutionen wiederhergestellt, über die Rothbard und Konkin geschrieben haben: freiwilliger Austausch, Privateigentum außerhalb der formellen Anerkennung des Staates, Reputationsmechanismen statt zentralisiertem Zwang, spontane Ordnung statt geplant. Niemand hat den alten Frauen auf dem Basar die Abhandlung über menschliches Handeln beigebracht, sie handelten einfach wie eine freie Person, wenn der Staat nicht ignoriert, sondern vermieden werden kann.
Über den Autor: Mark Mikhalov ist Student und unabhängiger Forscher. Seine Interessen umfassen die Österreichische Schule der Ökonomie, Soziologie sowie politische und ethische Philosophien. Quelle: Dieser Artikel wurde vom Mises Institute veröffentlicht.
Über MISES
Das 1982 gegründete Mises-Institut vermittelt Wissen über Wirtschaft, Freiheit und Frieden in Österreich. Wir orientieren uns an der liberalen intellektuellen Tradition von Ludwig von Mises (1881-1973) und Murray N. Rothbard (1926-1995). Folglich strebt das Mises-Institut eine tiefgreifende und radikale Veränderung des intellektuellen Klimas an: weg vom Etatismus und hin zu einer Ordnung des Privateigentums. Das Mises-Institut fördert kritische historische Forschung und lehnt politische Korrektheit ab.
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